Iva Bittová & Pavel Fajt
„…Iva ist eine der exquisitesten Persönlichkeiten der heutigen Musik“ PETZI
Album: Svatba (Review Records, 1987)
Produzent: Hubl Greiner
Iva Bittová vocals, violine
Pavel Fajt, drums
Iva entwickelte schon früh einen ganz eigenen Gesangs- und Geigenstil. Mit ihrem unvergleichlichen Talent schafft sie ein packendes musikalisches Abenteuer. Ihre Musik ist eine Mischung aus Jazz, Avantgarde und mährischer Folklore in der Tradition der Sinti und Roma. Iva’s internationale Präsenz erstreckt sich über Europa, Asien und die USA. Ihr Wirken ist unter anderem in dem Film „Step Across The Border“ über Fred Frith von Nicolas Humbert und Werner Penzel zu bewundern.
Fred Frith widmete ihr 1990 das Streichquartett „Lelekovice“. Ihre künstlerische Vielseitigkeit zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit Musikern wie Marc Ribot, Bobby McFerrin, George Mraz, Bill Frisell oder dem Kronos Quartet.
Neben ihrer musikalischen Karriere ist Iva auch als Schauspielerin unterwegs. 2003 spielte sie beispielsweise die Rolle der Zena in dem preisgekrönten Spielfilm „Zelary“, der 2004 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde.
In den 1980er Jahren lebte ich in einer Musiker-Kommune mit der Band Schäggi Bädsch in einem kleinen Dorf bei München. Eines Abends brachte ein Freund einen sympathischen Tramper mit, der vor einigen Jahren aus der Tschechoslowakei geflüchtet war und nun ein Museum in Nordrhein-Westfalen leitete. Während des Abendessens erzählte er von einem tschechoslowakischen Künstler, der eine deutsche Frau sucht, um dem kommunistischen Regime zu entkommen. Da seine Kunst nicht dem sozialistischen Realismus entsprach, wurde ihm die Arbeitsmöglichkeit entzogen und er musste am Fließband in einer Fabrik arbeiten. Die Heirat sollte ihm die Ausreise in den Westen ermöglichen. Eine Freundin von uns zeigte Interesse und nahm kurze Zeit später Kontakt zu ihm auf.
Z. war Konzeptkünstler. In einer seiner Serien zeichnete er Bilder, auf denen Silhouetten von Menschen zu sehen waren, die sich gegenüberstanden. Mit Strichen und Punkten skizzierte er verschiedene Möglichkeiten der Kommunikation: Einmal gingen die Striche durch den Kopf des Gegenübers, ein anderes mal prallten sie am Gesicht ab. In einem Bild war ein ‚Redeschwall‘ zu sehen, während die andere Person stumm blieb, etc. etc.
Die Grenze der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) ähnelte damals der innerdeutschen Grenze der DDR: einem hermetisch abgeriegelten Bollwerk mit strengen Kontrollen. Die beiden Heiratswilligen mussten sich deshalb über längere Zeit fingierte Liebesbriefe schicken, um den Verdacht auf eine Scheinehe zu vermeiden. Briefe wurden an der Grenze meist geöffnet und kontrolliert. Gut zwei Jahre später war es soweit: Die Hochzeit fand in einem kleinen Dorf in der Nähe von Brno statt. Z. konnte einige Zeit später nach Deutschland ausreisen und in meinem Haus in der Pfalz unterkommen.
Wir freundeten uns an und debattierten häufig über Kunst, Politik und das Leben. Durch ihn bekam ich Kontakt zum tschechischen Underground und lernte Musiker, Künstler und Schriftsteller kennen, die in ihrer Ausdrucksweise völlig anders waren als das, was ich bisher kannte.
Der Musiker Jiří Stivín realisierte zum Beispiel ein Projekt, bei dem er 122 Menschen einsetzte – so viele, wie eine Orgel Tasten hat. Jede Person erhielt eine Flasche, die mit unterschiedlich viel Wasser gefüllt war. Die beim Anblasen entstehenden Töne entsprachen dem Tonumfang der Orgel. Jeder Person war sozusagen ein Ton der Orgel zugeordnet.
Jiří hatte die Orgel so umgebaut, dass jede Taste eine Glühbirne aktivierte. Jede Person trug eine dieser Glühbirnen am Kopf. Leuchtete sie auf, musste in die Flasche geblasen werden. Der Musiker spielte so auf einer „menschlichen“ Orgel. Ein spannender Aspekt war die unterschiedliche Reaktionszeit der 122 Personen. Durch die zeitlichen Verzögerungen bekam das Stück ein ganz eigenes rhythmisches Gefüge.
Es gab Bands und Künstler, die politischen Widerstand leisteten, wie etwa die „Plastic People of the Universe“. Andere entwickelten eine subversive Musik, die eine gesellschaftliche Rebellion hätte anstoßen können, weil sie nicht dem sozialistischen Realismus entsprach. Öffentlich auftreten durften sie nicht – für das autoritäre Regime stellten sie eine Bedrohung dar.
Um Verbote zu umgehen, wurden sogenannte Samizdat-Konzerte veranstaltet. Die Spielorte wurden erst wenige Minuten vor Beginn an speziellen Treffpunkten bekannt gegeben. Meist fanden sie in Privatwohnungen statt. Bevor die Polizei erschien, waren die Konzerte bereits wieder zu Ende. „Samizdat“ bedeutet das heimliche Verfassen, Lesen und Weitergeben von nicht-regimekonformen Texten und Darbietungen. Auch in der Literatur gab es Samizdat – verbotene Schriften, die mithilfe von händisch betriebenen Abziehmaschinen vervielfältigt und privat verteilt wurden.
Einmal wurde ich eingeladen, zusammen mit Peter Frohmader und Ulrike Schimpf ein Samizdat-Konzert im Wohnzimmer eines Generals zu spielen, der gerade auf Dienstreise war. Dort lernte ich den Schlagzeuger Pavel Fajt kennen. Im Anschluss lud er uns zu einem weiteren geheimen Konzert ein, das seine Band eigens für uns veranstaltete.
Einige Tage später war ich mit Z. im Theater in Brno. Die Musik zu dem Stück hat mich sehr berührt, und ich wollte wissen, von wem sie stammt. Z. besorgte die Adresse und wir besuchten den Komponisten am nächsten Tag. Ich war damals mit einem Unternehmensberater unterwegs, den ich kaum kannte. Der Typ hatte erfahren, dass ich in den Ostblock reise, und mich gefragt, ob er mitkommen könne – warum, das weiß ich bis heute nicht. Ich willigte ein, und wir fuhren mit seinem Auto, einem Porsche, in die damalige ČSSR. Typ und Auto wirkten in dem sozialistisch geführten Land wie ein Fremdkörper. Als der Komponist den Porsche sah, meinte er, für reiche Westler habe er keine Zeit. Es dauerte eine Weile, ihm klarzumachen, dass ich mit dem Kerl und seinem Porsche nichts zu tun habe. Nachdem ich ihm die LP meiner damaligen Band Schäggi Bädsch in die Hand gedrückt hatte, durfte ich nach einem kurzen Probehören ins Haus. Der Unternehmensberater musste draußen bleiben. Pavel Richter hieß der Komponist, der bis heute einer der kreativen Ideengeber der tschechischen Musikszene ist.
Da ich einige der verbotenen Bands ziemlich gut fand und die Musikszene im Westen nichts Vergleichbares kannte, kam mir die Idee, Aufnahmen zu machen und diese im Westen zu veröffentlichen. Ich besorgte einen Mehrspur-Kassettenrecorder und schmuggelte ihn mithilfe von Z. über die Grenze. Die Grenze wurde allerdings streng bewacht und jedes Fahrzeug wurde genau unter die Lupe genommen. Am Ende hatten wir Glück: Das Kassetten-Deck wurde nicht entdeckt, und wir konnten einreisen. Z. kontaktierte drei „verbotene“ Bands; zwei von ihnen waren mit Aufnahmen einverstanden. Wir zeichneten die Bands in irgendwelchen Kellern auf und schmuggelten die Aufzeichnungen nach Deutschland. Das Label Indepandance / EfA veröffentlichte die Mitschnitte 1985 unter dem Namen „Meka Černého Humoru“ (Mekka des schwarzen Humors). Der Bayerische Rundfunk und andere Medien berichteten darüber, meine Freunde Franz Dobler und Stephan Lamby ermöglichten einen ausführlichen Artikel in dem Independent-Szenemagazin Nuvox. Die Bands hießen Band X und Band Y. Das Cover stammte von dem tschechischen Künstler Vladimír Kokolia.
Karel David und Hubl in Brno, ČSSR 1988
Diese Veröffentlichungen hatten sich in der ČSSR herumgesprochen, sodass ich immer häufiger Kassetten weiterer Underground-Bands zugeschickt bekam. Irgendwann war auch eine Aufnahme von Iva Bittová dabei. Ich war begeistert und versuchte, Kontakt aufzunehmen.
Da Musiker*innen aus der Tschechoslowakei nicht ohne Genehmigung des Staatsapparats ins Ausland reisen oder dort auftreten durften, musste ich mit Prago Concerts verhandeln, der zuständigen staatlichen Agentur. Iva war keine „verbotene“ Künstlerin und konnte offiziell in der ČSSR auftreten.
Ich wollte jedoch Konzerte in Deutschland organisieren. Das war keine einfache Aufgabe, denn hier kannte sie damals kaum jemand. Nach einiger Zeit standen drei Termine fest.
Unter anderem gab es ein Konzert mit Iva Bittová und Pavel Fajt, Elliott Sharp und The Blech im Pavillon in Hannover. Anschließend hatten wir in Konstanz einen Tag Zeit, um die LP „Svatba“ (Hochzeit) im Klang und Hammer aufzunehmen.
Vor den Aufnahmen schrieb ich einen Brief an Fred Frith, mit dem ich einige Jahre zuvor bereits in London zusammengewohnt hatte. Ich bat ihn, die Produktion des Albums zu übernehmen, da er einen größeren Namen hatte als ich – in der Hoffnung, dass Iva so mehr Aufmerksamkeit im Westen bekommen würde.
Eine Antwort von Fred erhielt ich zunächst nicht und produzierte die LP schließlich selbst. Das Label „Review Records“ veröffentlichte die Platte 1987.
Einige Wochen später erreichte mich ein Brief von Fred. Er schrieb, es tue ihm leid, er habe meine Nachricht nur flüchtig gelesen, die Platte inzwischen gehört – und sie sei für ihn eine der besten Produktionen der letzten Jahre.
Etwas später spielte Iva mit Pavel Fajt auf dem Mimi-Festival in Südfrankreich, wo ich sie Fred vorstellte. Noch am selben Tag wurden Iva und Pavel eingeladen, bei den Dreharbeiten zum legendären Dokumentarfilm „Step Across the Border“ von Nicolas Humbert und Werner Penzel mitzuwirken.
Iva Bittová und Pavel Fajt gaben danach noch eine kurze Zeit gemeinsam Konzerte, auch im Westen. Danach trennten sie sich. Iva machte von da an eine beispiellose Karriere. Der Dachverband der Schweizer Musikclubs PETZI schrieb 2009 treffend:
„Die tschechische Sängerin, Geigerin und Komponistin Iva Bittová gehört zu den exquisitesten Persönlichkeiten der heutigen Musik“
Hubl Greiner
Hubl und Iva Bittova, 2018



