Vortrag über Musik an der staatlichen Universität Jakutsk/Sibirien

DIE KRAFT DER MUSIK

in Himmelherrschaftszeiten!

Während des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 meinte ein bairischer Ministerpräsident, er fände es nicht sooo schlimm, wenn es keine Konzerte gibt, man könne ja zuhause mit seinem Partner tanzen. Nachdem die Fallzahlen im Herbst erneut angestiegen sind, legt er das Kulturleben erneut still. Während man alles daran setzt, die Wirtschaft am Laufen zu halten, werden Kulturinstitutionen geschlossen und kulturelle Veranstaltungen untersagt. Zur Eindämmung des Virus macht das vielleicht Sinn, dass Kultur aber pauschal dem Freizeitbereich untergeordnet wird, ist nicht wirklich intelligent. Musik beispielsweise leistet wesentlich mehr, als uns zum Tanzen zu animieren und der Politiker täte gut daran, sich dieses Wissen anzueignen.

Schauen wir uns dazu mal unsere Vorfahren an.

Auch sie haben schon bei der Arbeit, bei Ritualen oder Festen gesungen und getrommelt. Das belegen z.B. Musikinstrumente, die in der Schwäbischen Alb gefunden worden sind. Die Instrumente aus Mammut-Elfenbein oder Knochen sind etwa 40.000 Jahre alt. Auch hat man Hinweise darauf gefunden, dass sich die menschliche Sprache aus der Musik, aus dem Gesang entwickelt hat. Deshalb kommt es bei einer Unterhaltung nicht nur auf den Inhalt an, sondern auch auf Kriterien wie Akzente, Dynamik, Tempo, Pausen, Tonhöhen, Intonation, Lautstärke. Das heißt, wir singen eigentlich, wenn wir sprechen.

Was kann Musik leisten?

Musik ist also tief in uns verankert. Sie hat ihren Ursprung im Kollektiv, angefangen bei unseren Vorfahren, als Werkzeug zur Kommunikation, als Ritual, bei dem alle Beteiligten miteinbezogen wurden. Das wirklich Spannende an Musik ist deshalb nicht ihr marktwirtschaftliches Potential, sondern dass sie ein Teil von uns selbst ist, in unserer DNA verankert ist. Musik kann Gene aktivieren, die das Lernen und kognitive Leistungen fördern. Musik kann hirnschädigende Gene eindämmen und aktiv hirnschützend wirken. Musik kann die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin anregen.

„Damit konnten wir einen direkten Zusammenhang zwischen Dopamin, durch Musik ausgelöste Freude und Motivation belegen“. Daniela Albat (wissenschaft.de) und Laura Ferreri (Universität Barcelona, Proceedings of the National Academy of Sciences)

Musizierende Kinder und Jugendliche verbessern ihr Sozialverhalten, erhöhen ihren IQ-Wert, sensibilisieren ihre Emotionalität, lernen Solidarität und Teamgeist, zeigen bessere schulische Leistungen und kompensieren Konzentrationsschwächen. Durch das Mitwirken in einem Orchester, einer Band oder einem Chor, lernen sie die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Musik hilft ihnen neue Perspektiven zu finden und ihre Persönlichkeit zu entwickeln.

Musik fördert Begegnung, Kommunikation und Verständigung. Musik kann Brücken zwischen unterschiedlichen Lebensformen und Kulturen bauen und den Frieden zwischen Menschen fördern. Kulturelle Zusammenarbeit bedeutet, dass die Menschen mehr übereinander wissen.

„Ohne gegenseitiges Wissen gibt es kein gegenseitiges Verständnis, ohne Verständnis keinen gegenseitigen Respekt und kein Vertrauen, und ohne Vertrauen gibt es keinen Frieden.“ Roman Herzog

Musik ermöglicht also nicht nur wesentlich mehr Lebensqualität, mehr soziales Engagement und mehr Zusammenhalt, sondern ist auch ein wichtiger Aspekt in der Erziehung und fördert zudem unsere Gesundheit.

Musik, Heilung, Spiritualität

Was Schamanen und Sufis seit Tausenden von Jahren praktizieren, hat man heute auch in der Medizin entdeckt. Klänge helfen, Selbstheilungskräfte zu stärken. Musik wird gesundheitsfördernd in der Schmerztherapie, bei Tinnitus, Schlaganfall, Depression, Parkinson etc. eingesetzt. Auch Demenzkranke können durch Musikstücke aus ihrer Jugend temporär aus ihrer Isolation geführt werden. Klänge können die Durchblutung anregen, funktionelle Störungen lindern, Stress und Ängste abbauen. Klänge können uns helfen, zu entspannen und innere Ruhe und Geborgenheit zu finden.

Studie: Positive emotionale Erfahrung: Induziert durch vibroakustische Stimulation mit einem Körpermonochord bei Patienten mit psychosomatischen Störungen von H. Sandler, Charité Universiätsmedizin Berlin

Klang wirkt auf unser Nervensystem, aktiviert die Muskulatur, regt die Ausschüttung von Hormonen an und beeinflusst unsere Emotionen. Klänge führen uns aus der vorwiegend rationalen Welt in die Welt des Fühlens. Das Geheimnis der Musik liegt deshalb nicht in ihrer Intellektualität, sondern in ihrer starken Emotionalität.

Gongs oder Trommeln erzeugen beim Anschlagen z.B. besonders starke Schwingungen. Da unsere Nerven, Ganglien und Zellen ebenfalls schwingen, berühren die Vibrationen solcher Instrumente jeden Teil unseres physischen Wesens. Die Klänge sind also nicht nur hörbar, sondern durch jede Zelle in unserem Körper spürbar – selbst die allerfeinsten.

Musik ermöglicht ein unmittelbares sinnliches Erleben und platziert sich also jenseits des Begrifflichen. Sie ermöglicht den Zugang zu spirituellen Welten. In vielen Kulturen werden deshalb mit Hilfe der Musik Trancezustände hervorgerufen, um zu heilen oder spirituelle Erfahrungen und Bewusstseinsveränderungen zu machen. Musik ist dadurch auch zentraler Bestandteil in der magisch-religiösen Praxis des Schamanismus, des Sufismus oder in der christlichen Orthodoxie. Das verleiht ihr zusätzlich eine besondere Tiefe.

Musik, Geräusch, Emotion, Klang

Sind Menschenaffen unmusikalische Gesellen, da sie nicht in der Lage sind, „saubere“ Töne zu erzeugen? Oder müssen wir lernen, dass es bei der Definition von Musik unterschiedliche Perspektiven gibt?

Musik wird schon lange nicht mehr nur durch klassische Elemente wie den reinen Ton oder Klang definiert. Seit John Cage ist uns bewusst, dass alles was klingt, also auch ein Geräusch, Musik sein kann. Klänge entstehen, wenn zwei Elemente aufeinanderstoßen, kollidieren, sich aneinander reiben. Klänge haben mit Begegnung und Berührung zu tun. Klänge berühren uns seelisch, körperlich und emotional. Klänge haben vielschichtige gesellschaftliche Funktionen. Sie entspannen uns, regen uns an, lenken uns, fördern unser Denken, Fühlen und Handeln oder verspannen uns und stören das psychische Gleichgewicht. Auch Stille löst in uns starke Gefühle aus.

Der Begriff „Musik“ umfasst also verschiedene Klangerscheinungen, die sehr unterschiedlich auf uns wirken und unser Leben maßgeblich beeinflussen.

Musik und Widerstand

Eine intelligente, moderne und demokratische Gesellschaft gewährleistet jedem Menschen eine unabhängige Entwicklung und baut auf Solidarität, Freiheit, Toleranz, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung.

Die Verwirklichung einer derartigen Gesellschaftsordnung setzt den Widerstand gegen Zerstörung und Ausbeutung von Mensch und Natur voraus.

Zu den Faktoren, die auf menschenunwürdige Herrschaftsverhältnisse aufmerksam machen und der Tendenz zur weltweiten Gleichschaltung entgegenwirken, gehören kulturelle Ansätze, die sich dieser Entwicklung verweigern und sich am Ideal einer freien Gesellschaft orientieren. Musik hat gesellschaftliche Transformationsprozesse begleitet, wenn nicht sogar mit initiiert. In der Punkbewegung beispielsweise steht die Rebellion gegen gesellschaftliche, politische und kulturelle Missstände im Mittelpunkt der Musik. Aktuelle politische Themen wurden von den Bands aufgegriffen und auf Konzerten mit der Öffentlichkeit kommuniziert. Auch andere Musikrichtungen wie Blues, Jazz, Rock, Punk, Outlaw-Country etc. haben solch eine politische Sprengkraft. Musik kann also durchaus Inhalte und Empfindungen vermitteln und helfen, Bewusstsein zu entwickeln. Sie regt uns an, zu hinterfragen, zu kritisieren und aufzuklären.

Kunst und Kultur sind deshalb in totalitären autokratischen Systemen (oder in Krisenzeiten) oft der einzige Raum für unabhängiges Denken. Nur hier können wir uns gleichberechtigt begegnen und ungehindert Ideen austauschen. Kultur wird in solchen Lebenssituationen zum Sprachrohr, mit dem sich unterdrückte Menschen mitteilen können. Kultur wird zur Kraft, die Veränderungen nicht nur äußert, sondern Veränderungen auch bewirkt.

Ist Musik eine universelle Sprache?

Forscher haben herausgefunden, dass es in der vokalen Musik weltweit ähnliche Funktionen und Formen gibt, bei denen es einen Zusammenhang zwischen menschlichem Empfinden und musikalischen Ausdrucksweisen gibt. Menschen, auch musikalische Laien, können nämlich Tanzmusik, Wiegenlieder oder rituelle Heilgesänge eindeutig zuordnen, egal aus welchem Kulturkreis.

„Ein musikalisches Großexperiment zeigt: Tanz- und Wiegenlieder sind quer durch alle Kulturkreise verständlich.“ Ruth Hutsteiner science.orf.at

Musiker kommunizieren über geographische und kulturelle Grenzen hinaus. Durch gemeinsames musizieren synchronisieren sich ihre Gehirnströme. Sie kommunizieren entweder über die vorgegebenen Attribute einer Komposition oder improvisieren ohne Noten, indem sie die Musik spontan erfinden und realisieren. Vorraussetzung für ein Gelingen dieser Kommunikation ist dabei das Verständnis der musikalischen Gesetzmäßigkeiten und/oder die Bereitschaft sich auf Unbekanntes einzulassen und der gegenseitige Respekt – vor allem, wenn sich Musiker aus unterschiedlichen Kulturkreisen begegnen.

Aber auch musikalische Laien können in bestimmten Situationen mit Klängen und Geräuschen wie z.B. schmatzen, pfeifen, schnalzen, zischen, hupen, klingeln, läuten, kommunizieren.

Die Signatur der Persönlichkeit

Musikalische Ausbildung könnte eine tragende Säule unserer Gesellschaft sein, denn sie unterstützt die wesentlichen Funktionen unseres sozialen Lebens. Sie erhöht unsere Lebensqualität. Eine musikalische Ausbildung, die Kindern und Jugendlichen einen spielerischen und freudvollen Zugang zur Musik ermöglicht, bei dem es nicht um Perfektion geht, ist dabei besonders wertvoll. Die Kinder lernen so, die Musik wirklich zu erleben und zu empfinden. Sie lernen sich selbst wahrzunehmen, sich zu verstehen, sich zu vertrauen. Dieser Kontakt mit ihrer Innenwelt, mit ihren Gefühlen, Träumen, Sehnsüchten, Fantasien und Wünschen, schafft die Voraussetzungen, die es ihnen später ermöglichen, ihre eigene Persönlichkeit in die Musik einzubringen.

Je mehr wir Musiker dazu ermutigen innovativ, unorthodox und experimentierfreudig zu sein, je mehr wir sie dazu ermutigen Grenzen zu überschreiten und eigene künstlerische und ästhetische Schwerpunkte zu entwickeln, desto bereichernder wird unsere Musik. Wir müssen ihnen helfen, das Besondere in sich Selbst zu erkennen.

Künstler müssen mutig sein, nicht gut oder selbstgefällig. Sie müssen lustvoll scheitern wollen, müssen an die Grenze des Machbaren gehen. Sie brauchen Pioniergeist, müssen sich von den Zwängen der bestehenden Ordnung lösen, den Mut zum Experiment und die Lust auf neue Klänge haben. Sie müssen provozieren! Nur dann wird Musik faszinierend bleiben, nur dann wird sie ihre Kraft behalten.

Musik und Sterben

Da uns die Musik den Kontakt zur Innenwelt erleichtert, ist ihr Einsatz in extremen Lebenssituationen besonders wertvoll. Sie wird deshalb auch in der Sterbebegleitung eingesetzt und sie spielt eine große Rolle bei der Auseinandersetzung mit Tod und Sterben.

Daniel Barenboim schreibt in seinem Buch „Klang ist Leben“, dass wir durch Musik auch etwas über uns selbst und unsere Gesellschaft erfahren können. „Beim Hören von Musik spüren wir, wie ein Klang geboren wird und wie er stirbt, wie er sich wieder in Stille verwandelt. Das ist ein Vorgang, der etwas über unser Dasein aussagt, der jede Pore unserer Existenz betrifft. Wenn ein Ton stirbt, spüren wir eine tragische Dimension, die uns, ob wir jetzt Musik spielen oder hören, einen anderen Bezug zum Tod vermitteln kann.“

Die verbindende Kraft

Kunst und Kultur ist eine verbindende Kraft, die uns helfen kann, Krisen zu überstehen. Es ist ein Armutszeugnis, eine moderne Gesellschaft in systemrelevante und nicht systemrelevante Gruppen zu unterteilen, wie zu Beginn der Corona-Pandemie von Politikern und Kommentatoren artikuliert wurde. In einer demokratischen Gesellschaft sind alle Gruppen systemrelevant.

„Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Richard von Weizsäcker, 1991

Diesem Artikel liegt ein Vortrag zu Grunde, den ich an der staatlichen Universität Jakutsk/Sibirien 2010 gehalten habe. Aus gegebenen Anlass habe ich ihn im Oktober 2020 überarbeitet.

Hubl Greiner, Nov. 2020

 

QUELLEN

Vorfahren
https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/musikinstrument-aus-der-eiszeit-3610/
https://www.scinexx.de/news/geowissen/40-000-jahre-alte-knochenfloete-entdeckt/
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/evolution-singen-bringt-menschen-ueberlebensvorteil-a-501895.html
https://www.mpg.de/sprachmelodie

Was kann Musik leisten?
https://www.pnas.org/content/116/9/3793
https://www.scinexx.de/news/medizin/musik-wirkt-sogar-auf-unsere-gene/
https://www.deutschlandfunk.de/musik-als-droge.676.de.html?dram:article_id=28130
https://www.scinexx.de/news/biowissen/warum-musik-uns-wohlig-erschauern-laesst/
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4449495/
https://de.schott-music.com/shop/kinder-optimal-foerdern-mit-musik-noq42976.html
https://www.medicoconsult.de/musik_und_gehirn/

Musik, Heilung, Spiritualität
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26936595/
https://www.researchgate.net/publication/258172750_The_Effect_of_Music_on_the_Production_of_Neurotransmitters_Hormones_Cytokines_and_Peptides_A_Review
https://www.researchgate.net/publication/236092452_The_neurochemistry_of_music

Musik, Geräusch, Emotion, Klang
http://www.sterneck.net/john-cage/sterneck/index.php
https://www.deutschlandfunk.de/musik-und-gelassenheit.1184.de.html?dram:article_id=220390
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2534-9/unlaute/
http://www.auditive-medienkulturen.de/2019/03/24/stille-geraeusch-rauschen-aesthetische-und-medientechnische-anmerkungen/
https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/neuwerk/article/view/35777

Musik und Widerstand
https://www.hf.uni-koeln.de/39721
https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-658-21050-2_9
https://www.grin.com/document/138640
https://othes.univie.ac.at/28015/

Ist Musik eine universelle Sprache?
https://science.orf.at/v2/stories/2891649/
https://science.orf.at/v2/stories/2994714/
https://science.sciencemag.org/content/366/6468/eaax0868
https://www.wissenschaft.de/gesellschaft-psychologie/unser-gehirn-ist-auf-toene-geeicht/
https://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/01/Psychologie-Musik/komplettansicht

 

An der staatlichen Universität Jaktutsk

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Hubl Greiner mit Sufi-Musikern im Sudan

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