Betrachtungsweisen

Die Kraft der Neugierde

Im März 2010 wurde ich von der staatlischen Universität Jakutsk/Sibirien eingeladen, einen Vortrag über Betrachtungsweisen zur Musik zu halten. Hier die Skizze des Vortrags.

1. Musik und Kommunikation

A) Musik ist eine universelle Sprache, ohne geographische und kulturelle Grenzen. Musik hat, wie jede Art von Kunst, ihren Ursprung im Kollektiv – angefangen bei unseren Vorfahren, als Ritual, als Werkzeug zur Kommunikation, bei dem alle Beteiligten miteinbezogen wurden.

B) Das Spannende an der Musik von heute ist für mich nicht ihr marktwirtschaftliches Potential, sondern ihre Fähigkeit, Sinne zu mobilisieren, zu bilden und Begegnung und Verständigung zu fördern.

Musik kann Brücken zwischen unterschiedlichen Lebensformen und Kulturen bauen und den Frieden zwischen Menschen fördern. Kulturelle Zusammenarbeit bedeutet, daß die Menschen mehr übereinander wissen. Ohne gegenseitiges Wissen gibt es kein gegenseitiges Verständnis, ohne Verständnis gibt es keinen gegenseitigen Respekt und kein Vertrauen, und ohne Vertrauen gibt es keinen Frieden.

Für einen Dialog braucht man Menschen, die zwischen den Kulturen wandern und die über sie Wissen vermitteln, Menschen, die bereit und imstande sind, sich auch in fremde Begrifflichkeiten und Erfahrungswelten hineinzudenken und das Gelernte weiter zu vermitteln, die auf diese Weise Brücken des Vertrauens bauen. Menschen, die auf der Suche nach einer Zivilisation der Versöhnung gegen die Maler der Feindbilder sind.

2. Musik und Tradition

Die heutige Musik lebt von der Spannung zwischen Gegenwart und Tradition. (Ich präsentiere spannende Beispiele zur Gegenwarts-Musik und spreche über die Bedeutung traditioneller Musik und deren heutigen Verwendung).

3. Musik und Bildung

Musik drückt etwas Unsichtbares aus, deshalb ist sie schöpferisch von großem Reichtum. Musik ermöglicht den Zugang zu spirituellen Welten – das verleiht der Musik eine besondere Tiefe des Empfindens.

In der Musik liegt eine Hoffnung für Kinder und Jugendliche. Musik kann helfen, die Persönlichkeit der Kinder zu entwickeln und zu festigen und ist daher ein wichtiger Aspekt in der Erziehung. Hier geht es nicht nur um die Förderung des Intellekts, um die Anhäufung faktischen Wissens, sondern auch um die Entwicklung der Sensibilität und des ästhetischen Potenzials, das jeder Mensch in sich trägt. Dies hilft Kindern neue Perspektiven zu eröffnen und schützt sie vor möglichen Gefahren und Versuchungen.

Musikalische Ausbildung heißt vor allem, den Kindern und Jugendlichen einen spielerischen und freudvollen Zugang zur Musik zu ermöglichen. Die Kinder lernen so, die Musik wirklich zu erleben und zu empfinden. Es geht nie um Perfektion. Wenn sie den Bogen falsch halten, kein Problem. Die Technik verbessert sich dabei nach und nach.

Musik erlaubt aufgrund ihrer Eigenart, gesellschaftliche Gruppen zu bilden, wie Orchester, eine Band oder einen Chor. Innerhalb dieser Einrichtungen lernen die Kinder soziale Interaktion, Solidarität und das Arbeiten im Team. Das ist eine Besonderheit der Musik.

An der staatlichen Universität Jaktutsk

An der Uni Jaktutsk

4. Musik, Emotion und Klang

Sind Menschenaffen unmusikalische Gesellen, da sie nicht in der Lage sind, „saubere“ Töne zu erzeugen? Oder müssen wir lernen, daß es bei der Definition von Musik unterschiedliche Perspektiven gibt?

Klang wirkt auf unser Nervensystem, aktiviert die Muskulatur, regt die Ausschüttung von Hormonen an und beeinflusst unsere Emotionen. Die Klänge führen den Menschen aus der rational dominierten Welt in die Welt der Gefühle. Das Geheimnis der Musik liegt also nicht in ihrer Intellektualität, sondern in ihrer starken Emotionalität.

Musik wird schon lange nicht mehr nur durch klassische Elemente wie den reinen Ton oder Klang definiert. Spätestens seit John Cage ist uns bewußt, daß alles was klingt Musik sein kann. Klänge erzeugen Emotionen, entspannen uns, regen uns an, fördern unser Denken, Fühlen und Handeln, entfalten heilende Kräfte, verspannen uns oder stören das psychische Gleichgewicht – auch Stille löst in uns starke Gefühle aus.

Der Begriff „Musik“ umfasst viele verschiedene Klangerscheinungen und es gibt keinen einfach zu erklärenden Zusammenhang zwischen Musik und deren Wirkung. Jede Art von Klang hat eine unterschiedliche gesellschaftliche Funktion und spricht den Menschen in unterschiedlichen Bereichen von Körper und Psyche an.

Vorbereitungen zum Duokonzert mit Stepanida Borisova

Vorbereitungen zum Duokonzert mit Stepanida Borisova

5. Musik und Gesellschaft

Eine moderne, intelligente und freie Gesellschaft setzt voraus, daß jeder Mensch ein Leben führen kann, das auf zwischenmenschlicher Wärme basiert, die Möglichkeit auf unabhängige Entwicklung jedes Einzelnen einräumt und auf Werte wie Solidarität, Toleranz, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung baut. Die Verwirklichung einer derartigen Gesellschaftsordnung setzt den Widerstand gegen Zerstörung und Ausbeutung von Mensch und Natur voraus.

Zu den Faktoren, die auf menschenunwürdige Herrschaftsverhältnisse aufmerksam machen und der Tendenz zur weltweiten Gleichschaltung entgegenwirken, gehören kulturelle Ansätze, die sich dieser Entwicklung verweigern und sich am Ideal einer freien Gesellschaft orientieren. Musik spielt dabei eine große Rolle. Musik kann Inhalte und Empfindungen vermitteln und helfen, Bewußtsein zu entwickeln. Sie regt die Menschen an, zu hinterfragen, zu kritisieren und aufzuklären.

Hubl Greiner mit Sufi-Musikern im Sudan

Hubl Greiner mit Sufi-Musikern im Sudan

6. Die Signatur der Persönlichkeit

Musiker, die den Mut haben ihre eigene Persönlichkeit in die Musik einzubringen, haben die beste Voraussetzung, spannende Ergebnisse zu erzielen – je mehr eine Musik durch die Persönlichkeit des Künstlers unterscheidbar ist, desto interessanter ist sie.

Individualität hat einen wichtigen Stellenwert in der Musik und setzt die Fähigkeit voraus, sich selbst wahrzunehmen, sich zu verstehen, sich zu vertrauen, sich in den eigenen Gefühlen und Handlungen zu erleben, sowie die Fähigkeit Kontakt mit seiner Innenwelt aufzunehmen, mit seinen Gefühlen und Träumen, mit Sehnsüchten, Fantasien und Wünschen.

© Foto: Hubl Greiner