HULU PROJECT – Inemuri | Foto: Hubl Greiner

© Foto: Hubl Greiner

Im März 2010 wurde ich von der staatlischen Universität Jakutsk/Sibirien eingeladen, einen Vortrag über Betrachtungsweisen zur Musik zu halten. Hier die Skizze des Vortrags (aus gegebenen Anlass überarbeitet im Oktober 2020):

Himmlherrschaftszeiten!

Während des Corona-Lockdowns meinte ein bairischer Ministerpräsident, dass er es nicht sooo schlimm findet, wenn es keine Konzerte gibt, man könne zuhause ja mit seinem Partner tanzen. Ich war nicht wirklich überrascht, dass schon wieder mal ein Politiker keine Ahnung von den elementaren Bausteinen unseres Zusammenlebens hat und ich habe mich gefragt, wie so jemand zum Teufel, relevante gesellschaftliche Entscheidungen treffen kann? Es ist ja ok, wenn sich ein Minister zu Hause eine Schweinshaxe einverleibt, reichlich Bier dazu trinkt, eine Platte von den Wildecker Herzbuben auflegt und seine Gattin durchs Wohnzimmer wirbelt.

Dass durch so ein Denken aber vielen Musikern und der zugehörigen Veranstaltungsbranche die soziale Existenz zerstört wird, ist nicht nur inakzeptabel, sondern auch nicht wirklich intelligent. Musik leistet nämlich wesentlich mehr, als uns zum Tanzen zu animieren und die Politiker täten gut daran, sich dieses Wissen anzueignen.

Schauen wir uns dazu mal unsere Vorfahren an.

Vermutlich haben auch sie schon bei der Arbeit, bei Ritualen oder Festen gesungen und getrommelt. Das belegen z.B. Musikinstrumente, die in der Schwäbischen Alb gefunden worden sind. Die Instrumente aus Mammut-Elfenbein oder Knochen sind etwa 40.000 Jahre alt. Auch hat man Hinweise darauf gefunden, dass sich die menschliche Sprache aus der Musik, aus dem Gesang entwickelt hat. Deshalb kommt es bei einer Unterhaltung nicht nur auf den Inhalt an, sondern auch auf Kriterien wie Akzente, Dynamik, Tempo, Pausen, Tonhöhen, Intonation, Lautstärke. Das heißt, wir singen eigentlich, wenn wir sprechen.

Was kann Musik leisten?

Musik ist also tief in uns verankert. Sie hat ihren Ursprung im Kollektiv, angefangen bei unseren Vorfahren, als Ritual, als Werkzeug zur Kommunikation, bei dem alle Beteiligten miteinbezogen wurden. Das wirklich Spannende an Musik ist deshalb nicht ihr marktwirtschaftliches Potential, sondern dass sie ein Teil von uns selbst ist, in unserer DNA verankert ist. Musik kann Gene aktivieren, die das Lernen und kognitive Leistungen fördern. Musik kann hirnschädigende Gene eindämmen und aktiv hirnschützend wirken. Musik kann die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin anregen.

Musizierende Kinder und Jugendliche verbessern ihr Sozialverhalten, erhöhen ihren IQ-Wert, sensibilisieren ihre Emotionalität, lernen Solidarität und Teamgeist, zeigen bessere schulische Leistungen und kompensieren Konzentrationsschwächen. Durch das Mitwirken in einem Orchester, einer Band oder einem Chor, lernen sie die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Musik hilft ihnen neue Perspektiven zu finden und ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Musik schützt sie vor Gefahren und Versuchungen.

Musik kann Begegnung, Kommunikation und Verständigung fördern. Musik kann Brücken zwischen unterschiedlichen Lebensformen und Kulturen bauen und den Frieden zwischen Menschen fördern. Kulturelle Zusammenarbeit bedeutet, daß die Menschen mehr übereinander wissen. Ohne gegenseitiges Wissen gibt es kein gegenseitiges Verständnis, ohne Verständnis gibt es keinen gegenseitigen Respekt und kein Vertrauen, und ohne Vertrauen gibt es keinen Frieden.

Musik ermöglicht also nicht nur signifikant mehr Lebensqualität, mehr soziales Engagement und mehr Zusammenhalt, sondern ist auch ein wichtiger Aspekt in der Erziehung und Bestandteil unserer Gesundheit.

Musik, Heilung, Spiritualität

Eine weitere Besonderheit ist, dass Musik uns helfen kann, Heilungsprozesse zu beschleunigen. Was Schamanen und Sufis seit tausenden von Jahren praktizieren, hat man heute auch in der Medizin entdeckt.

Klänge helfen, Selbstheilungskräfte zu stärken. Musik wird gesundheitsfördernd in der Schmerztherapie, bei Tinnitus, Schlaganfall, Depression, Parkinson etc. eingesetzt. Auch Demenzkranke können durch Musikstücke aus ihrer Jugend temporär aus ihrer Isolation geführt werden. Klänge können die Durchblutung anregen, funktionelle Störungen lindern, Stress und Ängste abbauen. Klänge können uns helfen, zu entspannen und innere Ruhe und Geborgenheit zu finden.

Gongs oder Trommeln erzeugen beim Anschlagen z.B. besonders starke Schwingungen. Da unsere Nerven, Ganglien und Zellen ebenfalls schwingen, berühren die Vibrationen solcher Instrumente jeden Teil unseres physischen Wesens. Die Klänge sind also nicht nur hörbar, sondern durch jede Zelle in unserem Körper spürbar – selbst die allerfeinsten.

Musik platziert sich also jenseits des Begrifflichen und ermöglicht ein unmittelbares sinnliches Erleben. Sie drückt etwas Unsichtbares aus und ermöglicht den Zugang zu spirituellen Welten. In vielen Kulturen werden deshalb mit Hilfe der Musik Trancezustände hervorgerufen, um zu heilen oder spirituelle Erfahrungen und Bewusstseinsveränderungen zu machen. Musik ist dadurch auch zentraler Bestandteil in der magisch-religiösen Praxis des Schamanismus, des Sufismus oder in der christlichen Orthodoxie. Das verleiht ihr zusätzlich eine besondere Tiefe.

Musik, Geräusch, Emotion, Klang

Klang wirkt auf unser Nervensystem, aktiviert die Muskulatur, regt die Ausschüttung von Hormonen an und beeinflusst unsere Emotionen. Klänge führen den Menschen aus der rational dominierten Welt in die Welt der Gefühle. Das Geheimnis der Musik liegt deshalb nicht in ihrer Intellektualität, sondern in ihrer starken Emotionalität.

Sind Menschenaffen unmusikalische Gesellen, da sie nicht in der Lage sind, „saubere“ Töne zu erzeugen? Oder müssen wir lernen, daß es bei der Definition von Musik unterschiedliche Perspektiven gibt?

Musik wird schon lange nicht mehr nur durch klassische Elemente wie den reinen Ton oder Klang definiert. Seit John Cage ist uns bewußt, daß alles was klingt, also auch ein Geräusch, Musik sein kann. Klänge erzeugen Emotionen, entspannen uns, regen uns an, fördern unser Denken, Fühlen und Handeln oder verspannen uns und stören das psychische Gleichgewicht – auch Stille löst in uns starke Gefühle aus.

Der Begriff „Musik“ umfasst also viele verschiedene Klangerscheinungen, die sehr unterschiedlich auf uns wirken. Klänge haben vielschichtige gesellschaftliche Funktionen und berühren uns körperlich und psychisch.

Musik und Widerstand

Eine moderne, intelligente und freie Gesellschaft setzt voraus, daß jeder Mensch ein Leben führen kann, das auf zwischenmenschlicher Wärme basiert, die Möglichkeit auf unabhängige Entwicklung jedes Einzelnen einräumt und auf Werte wie Solidarität, Toleranz, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung baut. Die Verwirklichung einer derartigen Gesellschaftsordnung setzt den Widerstand gegen Zerstörung und Ausbeutung von Mensch und Natur voraus.

Zu den Faktoren, die auf menschenunwürdige Herrschaftsverhältnisse aufmerksam machen und der Tendenz zur weltweiten Gleichschaltung entgegenwirken, gehören kulturelle Ansätze, die sich dieser Entwicklung verweigern und sich am Ideal einer freien Gesellschaft orientieren. Musik spielt dabei eine große Rolle. Musik kann Inhalte und Empfindungen vermitteln und helfen, Bewußtsein zu entwickeln. Sie regt uns an, zu hinterfragen, zu kritisieren und aufzuklären.

Ist Musik eine universelle Sprache?

Forscher haben herausgefunden, dass es in der vokalen Musik weltweit ähnliche Funktionen und Formen gibt, bei denen es einen Zusammenhang zwischen menschlichem Empfinden und musikalischen Ausdrucksweisen gibt. Menschen, auch musikalische Laien, können nämlich Tanzmusik, Wiegenlieder, rituelle Heilgesänge und Liebeslieder, eindeutig zuordnen, egal aus welchem Kulturkreis.

Aber auch sonst kommunizieren Musiker über geographische und kulturelle Grenzen hinaus auf eine feinstoffliche Art und Weise miteinander, wenn sie zusammen musizieren. Sie kommunizieren entweder über die vorgegebenen Attribute einer Komposition oder direkt aus dem Stehgreif, ohne Noten, wobei sie die Musik gleichzeitig erfinden und spontan realisieren. Vorraussetzung für ein gutes Gelingen dieser Kommunikation ist dabei die Beherrschung des Instrumentes, das Verständnis der musikalischen Gesetzmäßigkeiten und/oder die Bereitsschaft sich auf Unbekanntes einzulassen und der gegenseitige Respekt – vor allem, wenn sich Musiker aus unterschiedlichen Kulturkreisen begegnen.

Aber auch musikalische Laien können in bestimmten Situationen mit Klängen und Geräuschen wie z.B. schmatzen, pfeifen, schnalzen, zischen, hupen, klingeln, läuten, kommunizieren.

Die Signatur der Persönlichkeit

Musikalische Ausbildung ist eine tragende Säule unserer Gesellschaft. Musik unterstützt die wesentlichen Funktionen unseres sozialen Lebens und ist mitverantwortlich für Frieden und Lebensqualität. Eine musikalische Ausbildung, die den Kindern und Jugendlichen einen spielerischen und freudvollen Zugang zur Musik ermöglicht, bei dem es nicht um Perfektion geht, ist dabei besonders wertvoll. Die Kinder lernen so, die Musik wirklich zu erleben und zu empfinden. Sie lernen sich selbst wahrzunehmen, sich zu verstehen, sich zu vertrauen. Weil sie dadurch lernen Kontakt mit ihrer Innenwelt, mit ihren Gefühlen, Träumen, Sehnsüchten, Fantasien und Wünschen aufzunehmen, werden Voraussetzungen geschaffen, die es ihnen später ermöglichen, ihre eigene Persönlichkeit in die Musik einzubringen. Je mehr eine Musik durch die Persönlichkeit des Künstlers unterscheidbar ist, desto vielfältiger ist die wunderbare Welt unseres Hörens.

Musik und Sterben

Musik wird z.B. auch in der Sterbebegleitung eingesetzt und sie spielt eine große Rolle bei der Auseinandersetzung mit Tod und Sterben.

Daniel Barenboim schreibt in seinem Buch „Klang ist Leben“, dass wir durch Musik auch etwas über uns selbst und unsere Gesellschaft erfahren können. „Beim Hören von Musik spüren wir, wie ein Klang geboren wird und wie er stirbt, wie er sich wieder in Stille verwandelt. Das ist ein Vorgang, der etwas über unser Dasein aussagt, der jede Pore unserer Existenz betrifft. Wenn ein Ton stirbt, spüren wir eine tragische Dimension, die uns, ob wir jetzt Musik spielen oder hören, einen anderen Bezug zum Tod vermitteln kann.“

 

 

An der staatlichen Universität Jaktutsk

An der Uni Jaktutsk

 

Vorbereitungen zum Duokonzert mit Stepanida Borisova

Vorbereitungen zum Duokonzert mit Stepanida Borisova

 

Hubl Greiner mit Sufi-Musikern im Sudan

Mit Sufi-Musikern im Sudan