BADAWI PROJECT

Where Sudan’s Spiritual Roots meet Contemporary Urban Sound

Album: Nosybé (Enja Records, 2025)

 

Sudanese roots. Global frequencies.

Die spirituellen Wurzeln des Sudan – geprägt von den Traditionen der Beduinen und der Sufis – werden zum Impuls für neue urbane Klangräume – Afro-Arab-Fusion, Jazz, Pop…

Mit dem Album „Nosybé“ erfüllt sich der sudanesische Komponist und Sänger Mohamed Badawi einen lang gehegten Wunsch. In enger Zusammenarbeit mit Hubl Greiner versammelt er Musiker*innen aus unterschiedlichen Kontinenten, um seine neuesten Kompositionen auf ein Studioalbum zu bannen.

Was entsteht, ist ein Sound, der tief in nubischen Traditionen verwurzelt ist und zugleich offen für neue Klangräume bleibt. Sudanese roots. Global frequencies. 

Die Aufnahmen beginnen im Sudan, einem Land, das von politischer Repression, wirtschaftlicher Unsicherheit und tiefen gesellschaftlichen Spannungen geprägt ist.

Der Weltmusik-Pionier Roman Bunka prägt die Klangsprache des Albums entscheidend mit. Kurz nach den Aufnahmen verstirbt er. Ihm zu Ehren gründet seine Frau Grace Yoon die „Roman Bunka Foundation“, die junge afrikanische Künstlerinnen und Künstler durch Stipendien fördert. Mohamed und Hubl beschließen, sämtliche Einnahmen aus dem Album dieser Stiftung zukommen zu lassen.

Wie kam es zu dem Album Nosybe? - klicke hier!

Mohamed ist eine Persönlichkeit – ein Reisender zwischen Welten, vielseitig, engagiert, politisch wach. Er spricht mehrere Sprachen, initiiert soziale Projekte und engagiert sich seit Jahrzehnten im Bildungsbereich. Unter anderem baut er Schulen im Sudan und in Marokko und leitet das Sudan Education Projekt, das Straßenkindern und benachteiligten Jugendlichen den Zugang zu Schulbildung ermöglicht. Sein Vater war in den 1960er Jahren Kultusminister des Sudan für die demokratische Nationale Umma-Partei und ein enger Vertrauter von Premierminister Sadig al-Mahdi.

Ich lerne ihn 2005 während einer Musikproduktion mit algerischen und sudanesischen Künstlern kennen. Nach einem langen Studiotag sitzen wir zusammen, trinken Tee. Mohamed beginnt, auf der Oud Lieder zu spielen, die von seiner Heimat Sudan, von Aufbruch, Sehnsucht, Liebe, Schmerz und den Widersprüchen des Lebens erzählen. Seine Musik begeistert mich so sehr, dass wir drei Wochen später im Flieger sitzen, um erste Aufnahmen für ein neues Album zu machen.

Wir reisen in ein Land, das unter einer Militärdiktatur leidet, in dem der Präsident durch einen Putsch an die Macht kam und repressiv nach einer islamisch-fundamentalistischen Haltung regiert. Gewalt, wirtschaftliche Instabilität und eine prekäre humanitäre Lage prägen den Alltag. Menschenrechte, Meinungs- und Redefreiheit haben keine Bedeutung. Mohamed veröffentlicht seit Jahren kritische Kolumnen für sudanesische Medien. Dabei geht es um politische Korruption, Demokratie, weibliche Genitalverstümmelung und Zwangsheirat von minderjährigen Mädchen. Er gerät ins Visier des Geheimdienstes. Wir werden überwacht, von den Behörden schikaniert und kurzzeitig inhaftiert.

Trotz der erschwerten Bedingungen machen wir uns auf die Suche nach Musikerinnen und Musikern, die sowohl in ihren Traditionen verwurzelt sind als auch offen für neue musikalische Wege. Wir haben Glück! Im Studio Anaaqeed in Al-Mulazmin, einem Stadtteil von Omdurman, treffen wir auf zwei herausragende Instrumentalisten: dem Perkussionisten Hatim Mileegi und dem Akkordeonisten Mohamed Abdelwahab Kununnu.

Hatim stammt aus der Mileegi-Familie, deren Mitglieder zu den besten Trommlern des Sudan zählen. Sie gelten als Hüter und zugleich als Erneuerer der sudanesischen Musik. Hatim lässt seine Trommeln Geschichten erzählen, als wäre er ein westafrikanischer Griot. Seine Rhythmen berühren uns unmittelbar.

Auch Kununnu öffnet mit seinem Akkordeonspiel Türen in ganz eigene Klangräume. Es ist eine Freude zu sehen, wie sehr sich die Songs durch sein Spiel verändern. Er erweitert sie virtuos mit französischem Chanson, argentinischem Tango oder den Spielweisen der Zydeco-Musik aus Louisiana und dem Mississippi-Delta.

Wir sind mit den Einspielungen von Hatim und Kununnu richtig happy, wollen aber weiter über den Tellerrand schauen und erkunden, was wir musikalisch in der arabischen Welt noch alles entdecken können. Wir reisen deshalb nach Ägypten, um dort weiter an den Arrangements zu feilen. Im Studio der Musikhochschule Kairo treffen wir auf Musiker*innen, die eher in der klassischen arabischen Musik zuhause sind und nehmen mit ihnen Violine, Nay, Qanun, Cello, Thablah und einen Chor auf.

Zurück in Europa suchen wir nach einem geeigneten Drummer und Bassisten, um die rhythmische Basis der Songs zu erweitern. Roman erzählt uns von einem Schweizer Drummer namens Daniel Spahni, der viele Jahre mit dem jamaikanischen Poeten Linton Kwesi Johnson gespielt hat, und dem Bassisten Norbert Dömling. Spahni nehmen wir mit einem mobilen Aufnahmegerät in einem Keller in Neuchâtel auf, Norbert kommt zu mir nach Konstanz. Beide bringen ihre eigene musikalische Handschrift ein – und verändern den Charakter der Aufnahmen auf ihre Weise.

Einen besonderen Stellenwert nimmt die Zusammenarbeit mit Roman Bunka und Shirley Anne Hofmann ein. Sie sind mitverantwortlich für den unverwechselbaren Sound und die Arrangements.

Roman war ein Pionier der Weltmusik und bereiste die Welt mit einem unbändigen musikalischen Abenteurergeist. Er hat nicht nur die deutsche Musikgeschichte mitgestaltet, sondern als Gitarrist des nubischen Sängers Mohamed Mounir auch musikalische Spuren im arabischen Raum hinterlassen.

Shirley gestaltet die gesamte Bläsersektion – von Trompete über Euphonium und Posaune bis hin zu Tuba und Sousaphon. Wir waren wirklich beeindruckt von ihrer Virtuosität und Offenheit.

Die Arbeit an diesem Album gehört für mich zu den prägendsten Erfahrungen überhaupt. Die Musik, die dabei entstanden ist, ist weit mehr als ein künstlerisches Projekt. Sie ist Ausdruck von Hoffnung, von Widerstand, von Zusammenhalt – entstanden unter Bedingungen, die von Krieg, Armut und Unsicherheit geprägt sind. Trotz dieser schwierigen Realität finden die Menschen Wege, ihre Lebensfreude und Kreativität auszudrücken.

Das Leben in Mohameds Familie hat mir tiefe Einblicke in den Alltag und die Kultur eines faszinierenden Landes ermöglicht. Meine Zeit im Sudan war intensiv, inspirierend und äußerst bereichernd. Sie hat meinen Horizont erweitert und mir gezeigt, wie stark Menschen sein können – und welche Kraft in der Musik liegt, wenn es darum geht, Grenzen zu überwinden und für Freiheit und Gerechtigkeit einzustehen.

Im April 2023 musste Mohameds Familie, wie so viele andere, vor dem Krieg nach Ägypten fliehen. Sie verlor ihr Zuhause, ihre Lebensgrundlage und ihr gesamtes Hab und Gut.

Hubl Greiner

Mohamed Badawi
Kompositionen, Gesang, Oud, Percussion

Mohamed ist im Sudan aufgewachsen und entstammt der bekannten Sufi-Familie Gadiriyya. Seine musikalische Sprache ist geprägt von den Traditionen Nubiens, der Beduinen und der Sufis sowie von den arabischen und afrikanischen Klangwelten des Sudan. Gleichzeitig zeichnet seine Musik eine große stilistische Offenheit aus. Neben Gesang und Oud spielt er eine sudanesische Bongo mit drei Trommeln, die aus leeren Bombenhülsen gefertigt wird.

Roman Bunka
Gitarren, Oud

Roman ist nicht zuletzt durch seine vielfältigen künstlerischen Begegnungen bekannt geworden. Er arbeitete mit Musikerinnen und Musikern aus unterschiedlichsten Kontexten zusammen – darunter der Flamenco-Gitarrist Tomatito, Mal Waldron, Jean-Michel Jarre, Hubert von Goisern, Trilok Gurtu, der nubische Sänger Mohamed Mounir, der Kairoer Geigenvirtuose Abdu Dagir, Embryo, Dissidenten, Hamid Baroudi, Blixa Bargeld und viele andere. Auch für den Film komponierte er: unter anderem die Musik zu Doris Dörries Kinofilm „Bin ich schön?!“ sowie zu „Al Oud“ von Fritz Baumann, der 1992 beim Chicago International Film Festival ausgezeichnet wurde. >> www.romanbunka.com

„Roman Bunka is one the greatest guitar players I’ve ever had the pleasure to listen to.“ Henry W. Targowski (in Mark/Space, 1996).

Roman Bunka, Mohamed

Roman und Mohamed in Hubls Studio

Hubl Greiner
Produktion, Arrangements

„Die Arbeit an diesem Album gehört für mich zu den prägendsten Erfahrungen überhaupt. Die Musik, die dabei entstanden ist, ist weit mehr als ein künstlerisches Projekt. Sie ist Ausdruck von Hoffnung, von Widerstand, von Zusammenhalt – entstanden unter Bedingungen, die von Krieg, Armut und Unsicherheit geprägt sind.“

Badawi Project

Hubl mit Hatim Mileegi (3.v.r.) und anderen Musikern. Foto: Mohamed Badawi

Hatim Mileegi
Percussion

Hatim stammt aus der renommierten Mileegi-Familie in Khartum. Diese gilt in der sudanesischen Musiktradition zugleich als Hüterin und Erneuerin eines reichen kulturellen Erbes. Hatim selbst zählt zu den herausragenden Trommlern des Landes.

Badawi Project

Hatim im Studio, Omdurman

Mohamed Abdelwahab Kununu
Akkordeon

Kununnu zählt zu den prägenden Akkordeonspielern des Sudan. Mit großer Selbstverständlichkeit stellt er sein Instrument in einen vielschichtigen musikalischen Zusammenhang und überschreitet dabei mühelos stilistische Grenzen. Auf dem Album „Nosybé“ verbindet er arabische Klangwelten mit Einflüssen aus dem französischen Chanson und Musette-Walzer, dem argentinischen Tango, Tex-Mex aus Texas sowie der Cajun- und Zydeco-Musik aus Louisiana und dem Mississippi-Delta.

Badawi Project

Mohamed Abdelwahab Kununu

Shirley Anne Hofmann
Tuba, Posaune, Trompete, Euphonium

Shirley studierte an der McGill University in Montreal. Im Laufe ihrer vielseitigen Karriere arbeitete sie mit Künstlerinnen und Künstlern wie Ripoff Raskolnikov, Dave Holland, Roscoe Mitchell, Julian Priester, THE BLECH, Mani Neumeier, Nimal, Momo Rossel, Bratko Bibič (Accordeon Tribe) und L’Ensemble Rayé zusammen. Eigene Soloveröffentlichungen erscheinen auf ihrem Label „UsineS“. Auf dem Album „Nosybé“ übernimmt sie die komplette Brass-Section und prägt mit ihrem kraftvollen und nuancierten Spiel maßgeblich den Klang.

“Shirley Anne Hofmann is one of the freshest, most promising phenomenen to appear on the European Avantgarde scene.” Jazzthetik

Shirley

Shirley Anne Hofmann | Foto: Bernard Fuchs

Daniel Spahni
Drums

Spahni trommelt seit vielen Jahren an der Seite des jamaikanischen Poeten Linton Kwesi Johnson. Er ist ein ebenso vielseitiger wie feinfühliger Schlagzeuger und arbeitete unter anderem mit Elliott Sharp, Archie Shepp, Die Vögel Europas sowie Christian „Dodo“ Addor (Débile Menthol) zusammen.

Daniel Spahni

Daniel Spahni

Norbert Dömling
Bass

Norbert begann seine musikalische Laufbahn in verschiedenen amerikanischen Bluesbands, bevor er 1971 Mitbegründer der Jazz-Rock-Formation „Missus Beastly“ wurde. In den folgenden Jahren arbeitete er unter anderem mit der Rockgruppe Embryo sowie mit der Joachim Kühn Band und Musikern wie Jasper van’t Hof, Billy Cobham, Stu Goldberg, Trilok Gurtu, Charlie Mariano, Ramesh Shotham, Christoph Spendel, Tomasz Stańko und Toto Blankes Electric Circus zusammen. Heute ist er vor allem mit seinem Projekt „Jazz meets Tango“ zu hören.

Musiker aus Kairo und dem Sudan

  • Tahir Mahmoud (Violine)
  • Mohamed Atif Abdel Hamid (Nay)
  • Amro Sawwaf (Qanun)
  • Amro Subhi (Cello)
  • Iman Aliy Ad-din (Chor, Kairo)
  • Marwa Hasan (Chor, Kairo)
  • Wala Mohamed (Chor, Kairo)
  • Iman Mohamed Wadi (Chor, Kairo)
  • Iglal Hashim (Chor, Sudan)
  • Safa Osman (Chor, Sudan)
  • Magdi Shaban Sukkar (Tablah, Bandir)

 

Badawi Project

Tahir Mahmoud im Studio der Musikhochschule Kairo

Aufgenommen im Studio Anageed In Al-Mulazmin in Omdurman (Sudan), im Studio der Musikhochschule Kairo (Universität Asyout), im Studio UsineS in Neuchâtel und in Hubl´s Wohnzimmer in Konstanz.

  • Ahmed Mostafa Saleh (Toningenieur Kairo)
  • Mohamed Bashir Khogåali (Toningenieur Sudan)
  • Musab Anageed (Toningenieur Sudan)
  • Peter Anageed (Toningenieur Sudan)

Produziert und abgemischt von Hubl Greiner

Badawi Project

Mohamed Badawi im Sudan

TRACKLIST:

  1. Soudani – 04:48
  2. Nosybe – 04:01
  3. Mande – 03:23
  4. Habibi – 03:45
  5. Burum – 05:04
  6. Diwan – 05:06
  7. Rima – 04:57
  8. Adila – 04:39
  9. Loloo – 04:02
  10. Juba – 03:22

 

 

 

 

 

 

www.mohamed-badawi.com

 

© Fotos: Hubl Greiner, Mohamed Badawi