DIE FOTORISTEN

sind ein Zusammenschluss mehrerer Fotografen mit dem Ziel, aktuelle Entwicklungen in Politik und Gesellschaft mit kritischem Blick fotografisch zu begleiten.

Die beteiligten Fotografen befinden sich seit längerer Zeit in freundschaftlichem fotografischem Wettstreit. Sie kommen aus unterschiedlichen Kulturen, haben unterschiedliche Erfahrungshintergründe und fotografische Sichtweisen.

 

PopOuups

Das Spiel mit der Angst –
Zwischen Allmacht und Ohnmacht

Beobachtungen zum Alltag nach 2001

Einführung

Nach den terroristischen Anschlägen des 11. September 2001 wurden in vielen Ländern die Sicherheitsvorkehrungen massiv verstärkt. Die staatlichen Apparate antworten mit einer Reihe von Maßnahmen, um Terror abzuwehren. Ein Bestandteil dieser Maßnahmen ist die sichtbare, unsichtbare und latente Überwachung öffentlicher und privater Räume. Ob sichtbar oder verborgen, ob durch Kameras oder durch Zugriff auf Daten bei Telefon- und Internetkommunikation – immer mehr Informationen werden gespeichert. Ob die neuen Maßnahmen die Bedrohung durch Terrorismus und Kriminalität effektiv bekämpfen können, bleibt fraglich.

Mit den gespeicherten Maut-, Konto-, Internet- oder Handy-Daten, mit biometrischen Ausweisen, Gesundheitspässen und geschätzten 400.000 Überwachungskameras allein in Deutschland können effektive Profile einzelner Bürger erstellt werden, deren Missbrauchskapazität nahezu unbegrenzt ist. Die Fotografen, die sich hier mit dem Thema beschäftigen, liefern keine Analysen oder Antworten, sondern fotografische Anregungen für den Betrachter, seine eigene Wahrnehmung zu diesem Thema zu reflektieren.

 

RAUM A

Bedrohung durch Terror

Die vier Fotografen simulieren eine terroristisch agierende Gruppe, deren Ziel es ist, zur gleichen Zeit an vier verschiedenen Orten «Anschläge» zu verüben. Gezeigt werden zeitgleich aufgenommene Fotos von Plätzen rund um den Bodensee, an denen sich grössere Menschenmengen aufhalten oder sich bedeutsame Einrichtungen befinden.

Durch die Gleichzeitigkeit der Aktion konstruieren sie eine ähnliche Bedrohung wie die terroristische Machtdemonstration der verübten Anschläge in New York, Madrid oder London. Die Fotos hier zeigen mögliche terroristische Angriffsziele (Targets) in der Region Bodensee, ausgesucht aus den sensiblen gesellschaftlichen Funktionsbereichen Transport und Verkehr (Target 1), Versorgung, Umwelt und Energie (Target 2), Kommunikation, Kultur, Tourismus (Target 3).

An vier Orten (Romanshorn, Bregenz, Konstanz und Friedrichshafen) wurden zeitgleich fotografische Anschläge verübt, die in Bild-Matrizes mit waagrechter Zeitachse und senkrechter Ortsachse dokumentiert sind.

Die Foto-Kamera als Waffe

BREGENZ (Hubl Greiner)

KONSTANZ (Claudia Knupfer)

ROMANSHORN (Stefan Postius)

FRIEDRICHSHAFEN (Mohamed Badawi)

Die ausgestellten Bild-Matrizes
(1,50 m breit / 2,00m hoch)

 

 

RAUM B

Bedrohung durch Überwachung

Hier wird die Fotokamera zur Überwachungskamera. Menschen, Objekte oder Plätze wurden in unmittelbarer Umgebung des Betrachters von den Fotografen „überwacht“. Verlust persönlicher Freiheiten, Einschränkung intimer Lebensräume und Schaffung von Verdachtsprofilen, Entstehen psychosozialer Defekte. Jeder Fotograf agiert in diesem Projektteil nach subjektiven Gesichtspunken – seine persönliche Erlebniswelt hat Einfluss auf seine Bilder. Die Motive sind nicht festgelegt.

Ausgestellt sind individuelle Visualisierungen und Vertonungen von Überwachungs-Szenarien und möglichen Folgen. Fingerabdrücke werden erfasst und katalogisiert – Gespräche abgehört und aufgezeichnet.

Überwachungsserien von Hubl Greiner

Hubl Greiner installiert einen Überwachungs-Arbeitsplatz (Fotos und Video) und macht den Betrachter zum aktiven Komplizen der „Überwachung“, indem er ihn veranlasst, die Fotos anzufassen – belegbar durch die hinterlassenen Fingerabdrücke. Jede „überwachte“ Person steht symbolisch für alle Menschen die sich in diesem Zeitraum auf diesen Plätzen aufgehalten haben. 

An der Wand links:
Überwachung eines Verdächtigen, Bahnhof Singen/Hohentwiel am Samstag, 25.10.2008
17:46:26
17:46:33
17:46:39
17:46:46
17:46:51

An der Wand Mitte:
Überwachung eines Verdächtigen, Bahnhof Bregenz am Sonntag, 05.10.2008
14:34:49
14:34:54
14:34:59
14:35:04
14:35:13

An der Wand rechts:
Überwachung des Bahnsteigs, Bahnhof Bregenz am Sonntag, 28.09.2008
15:11:10
15:11:19
15:11:37
15:11:44
15:11:57

Bildschirmpräsentation
Gezeigt werden im filmischen Ablauf serielle Fotos und ein Überwachungsvideo, aufgenommen in Bregenz, am Freitag, 12.9.2008.

17 gebundene Bildprotokolle
aufgenommen zwischen dem 09.08.2008, 22:24:49 Uhr und dem 13.11.2008, 17:17:31 Uhr

 

Video-Präsentation – Teil der Ausstellung von Hubl Greiner „Arbeitsplatz eines Überwachers“

Gezeigt werden im filmischen Ablauf serielle Überwachungsfotos und ein Überwachungsvideo, aufgenommen in Bregenz, am Freitag, 12.9.2008. Fotos, Videos und Musik von Hubl Greiner.

 



 

Mit Sicherheit – Beobachtungen von Claudia Knupfer

Claudia Knupfer erstellt alltägliche Bilderserien – stellvertretend für die vielen, weniger offensichtlichen Datensammlungen – und fragt, wieviel staatliche „Fürsorge“, Kontrolle, Eingriffe in private Bereiche eine Gesellschaft auf Dauer erträgt, bis sich pathologische Tendenzen abzeichnen.

Überwachung im öffentlichen Raum

Beispielhafte Schauplätze in nächster Umgebung: Konstanz Bahnhofsplatz und Marktstätte, Bahnhof Radolfzell, Freiburg-Wiehre und Hauptbahnhof Freiburg.

Angst
[ Tableaux 1 bis 5 ]

Der öffentliche Raum wird als Sicherheitsrisiko erfahren. Das Betreten unsicheren Terrains macht selbst unsicher, erzeugt Ohnmachtsgefühle, Angst. Was geschieht nun mit den Menschen, mit einer Gesellschaft, die sich im Dauerstress von Gefahr und zunehmender Bevormundung und Kontrolle befindet?

Die Autorin verfolgt in ihren Tableaux die Spuren individueller und gesellschaftlicher Verunsicherung. Wir sehen hier realistische Fotos sowie „Bildstörungen“, in denen Gefühle die Wahrnehmung beherrschen und die Wirklichkeit sich aufzulösen beginnt.

PASSANTEN
[ Tableau 1 | Ort: Bregenz, Bahnhof und
Kunsthaus ]

POTENTIELLE TÄTER – POTENTIELLE OPFER?
[ Tableaux 2 und 3 | Ort: Unterwegs ]

PANIK
[ Tableau 4 | Ort: Konstanz, in den Hallen
des Lago-Center ]

REALITÄTSVERLUST
[ Tableau 5 | Ort: Auf dem Gelände des Zentrum
für Psychiatrie Reichenau ]

 

 

Überwachungsszenarien von Stefan Postius

Stefan Postius stellt dar, wie schnell und unkontrollierbar aus unserem normalen Leben Verdacht geschöpft werden kann und zeigt, dass Überwachung trotz unseres Erlebens von Normalität und vermeintlicher Harmlosigkeit tagtäglich stattfindet, also ordinärer Alltag geworden ist.

1 Konspirativer Treff am Bahnhof

Die drei dargestellten Szenen und Situationen zeigen auf, wie leicht aus Normalität und Harmlosigkeit Verdacht entstehen kann. Es bedarf hierzu nur eines Willens oder Auftrags, verdächtige Zusammenhänge zu entdecken. Was verdächtig ist, wird irgendwo und kaum nachvollziehbar festgelegt. Die drei Szenen sollen beim Betrachter Unbehagen auslösen. Aus dem täglichen normalen Leben herausgegriffen, lösen sie beim Betrachter Assoziationen aus, wie schnell man bei der derzeitigen – und künftig verschärften – Gesetzeslage unter Verdacht geraten kann.

Stefan Postius möchte mit diesen Serien unter der Decke einer fotografischen Ästhetik Unbehagen und Zweifel an der offiziellen Sicherheitsmarschrichtung erzeugen und den Widerstand gegen überzogene staatliche und privatwirtschaftliche Überwachungsgelüste brüten. Konspirativer Treff am Bahnhof Petershausen? Eine junge Frau telefoniert. Mit wem? Eine Person taucht im Hintergrund auf und telefoniert ebenfalls. Dann treffen sich beide. Harmloser Zufall oder konspirativer Treff? Im Zusammenspiel mit Datenbankdaten zu den betreffenden Personen ist ein Verdacht schnell konstruiert.

2. Wir sehen was Du denkst!

Bahnsteig Bahnhof Petershausen, Konstanz. Blickrichtung Ost. Ein Mann steht auf dem Bahnsteig und schaut nach Osten. Wohin? Die Überwacher maßen sich an zu wissen, wohin er schaut, was er denkt und was er plant. In Verbindung mit den mageren weiteren Informationen über diesen Mann wird die Fortsetzung der Observation angeordnet. Wie fern ist diese Situation von einer der Ihren täglichen?

3. Platzüberwachung und Bewegungsprofile rund um die Uhr

Aufnahmeserie vom Münsterplatz von der Plattform des Münsterturms. Der wandernde Schatten des Münsterturmes deutet die Dauer der Aufnahmeserie an. Bei eingehender Analyse der Personenbewegungen fallen bestimmte Verhaltensmuster auf. Durch die täglichen Wiederholungen können Personen identifiziert werden, deren Verhalten und Bewegungsprofile im Zusammenhang mit Informationen aus unterschiedlichen Datenbanken Verdacht erregen.

Haben Sie schon einmal über Ihr tägliches Bewegungsprofil nachgedacht?

 

 

Überwachungsserien von Mohamed Badawi

Mohamed Badawi thematisiert „Islamophobie“ (Angst vor dem Islam) und projiziert das beklemmende Gefühl, unter Verdacht zu stehen, indem er mit seiner Kamera selbst bespitzelt und verfolgt.

Der große Bruder schaut zu
Die Kamera macht in ihrem Verfolgungswahn auch nicht davor halt, intime und unschuldige Szenen zwischen Mutter und Kind zu beobachten und heimlich aufzuzeichnen.

Furcht vor den freien Gedanken
Die Kamera kann keine Gedanken lesen. Deshalb fürchtet sie den freien, verborgenen Gedanken vor allem dort, wo er besonders gepflegt und gefördert wird.

Das Tele-Auge
Auch wenn die Kamera nicht neben Dir ist, so kann Sie doch mit ihrem Tele-Auge Dich auf Schritt und Tritt zu allen Tageszeiten und allen Orten beobachten. Also Augen auf vor den Blicken der Kamera.

Altstadtlauf – Eine Stadt rennt vor der Kamera
Es wird auf öffentlichen Plätzen und bei öffentlichen Veranstaltungen auch für den unbelasteten Normalbürger immer schwieriger der Kamera zu entfliehen.

Im Fokus des Voyeurs
Früher waren es die unreifen Teenager, die die Frauen am Tennisplatz durch den Zaun heimlich anstarrten, heute sind alle im Fokus der Kamera.

Islamophobia
Arachnophobie nennt man die Angst vor Spinnen. Die Kamera fürchtet sich jedoch viel mehr vor Kopftüchern, langen Gewändern und Rauschebärten, aber auch vor jedem arabischen Schriftzeichen.

Bilder der Ausstellung im Kunstverein Konstanz

Die Bilder zeigen die Ausstellung während des Aufbaus, der Vernissage und der Führung für Schulklassen.

Presse

Die Gruppenausstellung von vier Mitgliedern des Kunstvereins über die „Verbrüderung von Terror und Überwachung“ kann einen das Gruseln lehren, ist aber auch ästhetisch sehr anspruchsvoll. Die Ausstellung stellt provokativ einen Zusammenhang zwischen konkreter Angst vor Terror und diffuser Angst vor Überwachungsterror überall und jederzeit her. Sie wirft Fragen auf und soll als Beitrag zur politischen Debatte um Sicherheit und Datenschutz, um Überwachung und Kontrolle, verstanden werden.

Sie soll das Bewußtsein für den unschätzbaren Wert persönlicher Freiräume schärfen und hinterfragt die Zunahme und Effizienz universeller Überwachungen zur Schaffung von Verdachtsprofilen und die Vernetzung von Datenbanken zur schnelleren und wirkungsvolleren Personenstigmatisierung. (Südkurier)

DIE FOTOGRAFEN

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Claudia Knupfer
Schauspielerin, Kommunikationsdesignerin und Fotokünstlerin

Bildende und Darstellende Kunst, Sprache, Kultur bestimmen ihre Arbeitsbereiche: Studium Germanistik, Kunstgeschichte, Empirische Kulturwissenschaften in den 1970er Jahren an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen; Diplom 1980 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (Max-Reinhard-Seminar) in Wien; über 15 Jahre Schauspielarbeit, Rundfunksprecherin. Nach einem anschließenden Designstudium an der FH (heute HTWG) Konstanz freiberuflich und an der Pädagogischen Hochschule Thurgau als Kommunikationsdesignerin tätig. Ausstellung Abstrakte Fotografie in den Räumen der Versico Stuttgart 2001. Gastspiele am Theater Konstanz 2007/2008.

Gestalterisches Engagement im kulturellen Bereich u. a. für INDIANER INUIT – DAS NORDAMERIKA FILMFESTIVAL Stuttgart und für die preisgekrönte Hörspielreihe AFRIKA ERZÄHLT.

www.knupfer.net

Hubl Greiner
Musiker / Komponist / Produzent / Foto- und Videokünstler / Hörspielmacher

Hubl Greiner ist ein musikalischer Grenzgänger, der sich mit Lust über den Abgrund beugt und manchmal auch weiter. Internationale Auszeichnungen als Musiker und Produzent. Konzertreisen in ganz Europa, nach Nord- und Südamerika, Japan, Russland, Sibirien und Libanon. Produzententätigkeit auch in Brasilien, Tschechei, Russland, Sudan und Ägypten. Veröffentlichung von über 60 CDs als Musiker, Komponist und Produzent. Schreibt Theater- und Filmmusik.

Hubl Greiner hat die Fotografie 2004 durch Claudia Knupfer entdeckt. Seine erste Fotoausstellung gestaltete er, zusammen mit Mohamed Badawi, zum Thema „Strassenkinder im Sudan“ im Schloß Glarisegg. Zur Fotografie: „Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Wahrnehmung und definiert Gegebenheiten aus individuellen oder kollektiven Gründen anders. Ähnlich zeigt ein Foto auf Grund seines beschränkten Darstellungsvermögens nur einen Ausschnitt des Ganzen. Der Reiz der Fotografie liegt für mich darin, unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar zu machen“.

Dr. Mohamed Badawi
Kultur- und Sprachwissenschaftler mit Schwerpunkt Arabistik, Musiker, Fotokünstler

Schon während seines Studiums in Lyon und Paris gründete er die Hochschulgruppe Sudan Education Project (SEP), mit deren Hilfe er Gelder für Schulen in seiner Heimat sammelte. Das Ziel dieser Schulen, von denen zwei von seiner Mutter aufgebaut worden waren, besteht darin, den Bildungsgrad auch der weniger privilegierten Schichten des Landes zu erhöhen.

1997 erlangte er die deutsche Staatsbürgerschaft, wobei er im Rahmen dieses Verfahrens die sudanesische rechtskräftig und verbindlich abgab. Zu dieser Zeit wurde er als staatlich vereidigter Dolmetscher ein gefragter Helfer der Kriminal- und Justizbehörden dieser Region. Doch dies alles schützte ihn nicht vor Nachstellungen des Verfassungsschutzes. Schon wenige Tage nach dem 11. September 2001 wurde er nach dem Zweck des Sudan Education Projects gefragt. Der Sudan stand auf der Liste der elf generalverdächtigten Länder und jede wie auch immer geartete Verbindung zu diesem Land schien nun von vornherein verdächtig.

Die folgende Überwachung war offensichtlich: Persönliche Post, vor allem Briefe aus dem Ausland, zeigten regelmäßig Spuren einer irregulären Öffnung. Schließlich kam bei Flügen in arabische Länder das Gepäck des öfteren in aufgeschlitztem Zustand an. Dieses Gefühl, immer wieder unter Verdacht zu stehen, versucht M. Badawi in seine Bilder zu projizieren, indem er mit Hilfe seiner Kamera selbst „bespitzelt“ bzw. selbst „Anschläge verübt“. M. Badawi fotografiert intensiv seit 2007.

www.mohamed-badawi.de

Dr. Stefan Postius
Wissenschaftler und Fotograf

Seit Anfang der 1950er Jahre Beschäftigung mit experimenteller, analoger s/w Fotografie. Seit Verfügbarkeit ausreichend guter digitaler Aufnahmetechnik hat seine Dunkelkammer im PC Platz gefunden und bietet dort mehr gestalterische Freiheitsgrade als zu analogen Zeiten. Durch langjährige Arbeit als Vorstandsmitglied des Jazzclub Konstanz hat er den Zugang zur Jazzfotografie gefunden. Weitere Schwerpunkte sind Architektur- und Theaterfotografie und Kunstbetrachtungen. Seit Mai 2008 arbeitet er als freier Fotograf in Konstanz. Ihn fasziniert an der Fotografie, zeitkritische Sichtweise und Dokumentation mit ästhetischer Umsetzung verbinden zu können. Auch wenn heute Fotografie weniger denn je eine Garantie für Authentizität ist, verwendet er dieses Medium, um seine Sicht der Wirklichkeit direkt, offen, aktuell und ungestellt, und, wo immer möglich und angebracht, ästhetisch darzulegen.

www.postius.de

Rede von Franz Dobler zur Ausstellung

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DAS SPIEL MIT DER ANGST / Zwischen Allmacht und Ohnmacht
Kunstverein Konstanz, 19.12.2008
Claudia Knupfer, Hubl Greiner, Mohamed Badawi, Stefan Postius

Franz Dobler vor seiner Eröffnungsrede

Ein bisschen Kunst, ein bisschen Vernissage, ein bisschen feingeistige Unterhaltung – das ist doch eine gute Abwechslung kurz vor Weihnachten. Man entkommt dem Stress und steht auch noch im Warmen.

Falls allerdings jemand eine Tendenz zu paranoiden Gefühlen hat, ist er hier am falschen Ort. Stoff für Paranoia in beiden Räumen: im ersten Raum die Entdeckung, dass selbst der idyllische Bodenseeraum eine Menge Ziele für mögliche terroristische Angriffe bietet. Im zweiten Raum der Verdacht, dass man selbst unter Beobachtung stehen und für einen Angreifer gehalten werden könnte.

Falls Paranoia eine Krankheit ist, dann ist es eine tückische Krankheit. Falls Sie glauben, nicht verfolgt zu werden, heißt das vielleicht nur, dass Sie zu dumm sind, um es zu bemerken. Und noch schlimmer, wie es der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs einmal formuliert hat: „Paranoia heißt nicht, dass man nicht verfolgt wird.“

Das Konzept und die Fotos von Badawi, Greiner, Knupfer und Postius sind nicht nur nah an der Realität, sondern an Aktualität gekoppelt. Sozusagen im Schatten des „11.September“ auf Tuchfühlung mit dem Gesetz zur Erweiterung der Befugnisse des Bundeskriminalamts im Anti-Terror-Kampf. Was ebenfalls nichts anderes als EIN SPIEL MIT DER ANGST ist – in dem ab dem 1.1.2009 einige Regeln verändert werden: Erleichterung im Bereich der Online-Überwachung, Einschränkung des Zeugnisverweigerungsrechts für Journalisten, Ärzte, Juristen – ganz allgemein: weitere Einschränkung von Bürgerrechten. 

Eine Entwicklung, die sich seit den sogenannten RAF-Gesetzen der 70er Jahre ständig verschärft hat. Verschärfung heißt konkret – Zitat Süddeutsche Zeitung: der Staat kann heute Mittel einsetzen, „die früher nur gegen konkret Verdächtige angewendet werden durften.“

„Mir doch egal“, werden jetzt viele von ihnen sagen, „ich habe mit krummen Sachen (von der Steuer vielleicht mal abgesehen) nichts zu tun, das betrifft mich nicht.“

Der ehemalige Verfassungsrichter Dieter Grimm nimmt ihnen diese Illusion. Er sagt: „Das Problem liegt ja darin, dass wir uns im Bereich der Prävention bewegen. Es geht nicht darum, einem Verdacht nachzugehen, sondern es geht bei den Anti-Terrorgesetzen vorwiegend um verdachtslose Ermittlungen. Jeder kann hier also betroffen sein… Ob er nichts im Schilde führt, weiß man erst nach der Überprüfung“ – und allein der Vorgang der Überprüfung könne „mit höchst unangenehmen Folgen verbunden“ sein. 

In diesem Raum sind wir vor allem mit dieser präventiven Situation konfrontiert – d.h. die Fotos führen uns 1.) vor, dass wir massiv unter Beobachtung stehen, und dass  2.) ihr Inhalt eine Frage der Interpretation ist. „Es bedarf nur eines Willens oder Auftrags, verdächtige Zusammenhänge zu entdecken“, sagt Stefan Postius, „was verdächtig ist, wird irgendwo und kaum nachvollziehbar festgelegt.“

Über dieses „Irgendwo“ gibt uns das Arrangement von Hubl Greiner eine Vorstellung: es simuliert einen Arbeitsplatz, an dem zwischen harmlosem Alltag und Verbrechensvorbereitung unterschieden werden soll, und die sekundenpräzise Beobachtung lässt erahnen, dass sich die Einschätzung im Zustand der Hysterie verändern wird. Wie heißt es im Krimi dann so schön: „Wir müssen endlich ein Ergebnis vorweisen!“ 

Dass es seit den Anschlägen auf das World Trade Center leichter geworden ist, Verdächtige zu präsentieren, darauf verweisen die Fotos von Mohamed Badawi – „Islamophobia“ ist sein Stichwort, die Angst vor allen islamischen oder scheinbar islamischen Zeichen. Und natürlich ist Badawi innerhalb der Gruppe derjenige, der die Auswirkungen von Überwachung am stärksten persönlich erlebte. Ich behaupte, dass ihn sein deutscher Pass, seine Tätigkeit an der Universität und die fünf Sprachen, die er beherrscht, nur noch verdächtiger machen. Und die Vorstellung, dass er anlässlich einer Ausstellung zum Thema „Überwachung“ möglicherweise überwacht wird, hat einen gewissen Kick. Sehr paranoid, natürlich.

Die Fotos von Claudia Knupfer bringen ein Thema ins Spiel mit der Angst, das eher unterschätzt wird. Sie zeigt den Öffentlichen Raum als Raum, den wir als sicher oder unsicher empfinden. Beide Gefühle sind steuerbar – und verbunden mit dem Kapital, das wir in diesem Raum vorfinden. 

Die permanent verstärkte Überwachung der Innenstädte dient auch der permanenten Verbesserung einer Feel-Good-Atmosphäre, lautet das Ergebnis einer Untersuchung des Soziologen Jan Wehrheim. Je mehr Kameraaugen, desto besser die Möglichkeiten, Leute, die diese konsumfreundliche Gute-Laune-Atmosphäre stören könnten, aus dieser Zone zu entfernen. Das vorgeschobene Argument, eigentlich im Interesse der Sicherheit der Bürger zu handeln, ist ideal dafür – und eine permanent intensiver werdende Beobachtung gehört zu diesem Prozess: denn „je mehr Räume überwacht werden, desto unsicherer fühlen sich Menschen in nicht überwachten Bereichen.“

Selbst aus einem schlechten Konstanzer tatort kann man immerhin diese Grundfrage der Verbrechensaufklärung kennen: wem nützt das Verbrechen? rainer Werner Fassbinder hat mit seinem Film „die 3. Generation“ eine Überlegung angeboten, die bei allen Diskussionen um die RAF in diesem Jahr gründlich ignoriert wurde: mehr Überwachung, mehr Überwachungstechnik bedeutet immer auch für einige: mehr Arbeitsplätze, mehr Profit. Und sollten die Verbrechen ausbleiben, dann werden mehr Verdächtige und neue Verbrechen benötigt. Was natürlich jetzt wieder ziemlich paranoid ist.

Besonders paranoid wäre jedoch, wenn man glaubte, unsere Künstler könnten sich damit in Gefahr begeben. Andererseits hatte ihr kollege christian Faulhaber kürzlich etwas Pech gehabt – er hatte für sein Projekt „Mr Security“, das sich ebenfalls mit dem Komplex Staat / Sicherheit / Überwachung beschäftigte, US-Botschaften und Konsulate in Deutschland und Polen fotografiert – und war dann bei der Einreise in die USA verhört worden, und hatte erfahren, dass er auf einer Liste Terrorverdächtiger stand, und diverse Kunsteinrichtungen hatten ihre Aufträge und Genehmigungen zurückgezogen.

Kurz vor Weihnachten habe ich aber auch eine gute Nachricht für alle Christen unter ihnen: denken sie daran, dass für sie alles halb so wild ist. schließlich leben sie mit der Gewissheit, dass der liebe Gott schon immer alles sieht.

© Franz Dobler 2008
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Isabel Meyer
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Franz Dobler veröffentlichte seit 1988 u. a. ‚Bierherz‘, ‚Sprung aus den Wolken‘, ‚Nachmittag eines Reporters‘, ‚Auf des toten Mannes Kiste – Get Country & Rhythm!‘ und zuletzt die Johnny Cash-Biografie ‚The Beast In Me‘ (Verlag Antje Kunstmann, 2002). Für den Roman ‚Tollwut‘ und ‚Jesse James und andere Westerngedichte‘ bekam er 1993 den Bayerischen Literaturförderpreis.

Er schrieb und inszenierte einige Hörspiele und Radio-Features. Er spielt so gut Tischtennis wie Manfred Coen und an vielen Abenden als Discjockey ‚Get Country & Rhythm!‘

Helmut Bieler-Wendt studierte Violine, Klavier, Improvisation und Komposition an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Seit 2003 ist er der Leiter des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt – er arbeitete u.a. mit Lol Coxhill, Chico Freeman, Phil Minton, Fred Frith, Peter Kowald, Sainkho Namtchylak, Irene Schweizer und The Blech.

Der Musiker Johannes Frisch (Kontrabass, E-Bass) hat in mehr als 3 Jahrzehnten eine individuelle musikalische Sprache im Grenzbereich zwischen Avantgarde-Jazz und E- Musik entwickelt. Johannes Frisch spielt sowohl in eigenen Gruppen als auch in anderen Projekten u.a. mit Irene Schweizer, Lol Coxhill, Johannes Bauer, Maggie Nicols, Le Quan Ninh und dem Kammerflimmer Kollektief.

Konstanzer Stadtheater
Odo Jergitsch, Thomas Fritz Jung und Michael Müller führten einen Teil des Theaterstücks „Terrorismus“ von den BRÜDER PRESNJAKOW während der Finissage auf. Ein Mann kommt zum Flughafen und findet eine Ausnahmesituation vor: Alles ist abgesperrt, die Flüge sind gestrichen, weil ein paar Koffer auf der Startbahn stehen. Unsicherheit macht sich in dem Mann breit. Er will sich der Situation entziehen und nachhause fahren. Aber ist sein Alltag wirklich der geschützte Raum, für den er ihn hält?

Siegfried Lehmann ist seit fünfzehn Jahren Fraktionsvorsitzender der Bündnisgrünen bzw. der Freien Grünen Liste im Radolfzeller Gemeinderat und seit zehn Jahren stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Kreistagsfraktion. Seine politischen Schwerpunkte liegen neben den klassischen umweltpolitischen Themenbereichen in der Finanz-, Sozial- und Bildungspolitik. Seit der Landtagswahl 2006 ist er Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg.